Historische Leukentaler Tracht um 1880
Bauer und Bäuerin bei St. Johann um 1820
Ranzen mit Federkielstickerei
Die Tracht der Feller Schützenkompanie

DIE LEUKENTALER TRACHT


Die traditionelle Tracht, wie sie im St. Johanner Museum präsentiert wird, war bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in der Gegend von St. Johann in Tirol verbreitet. In historischen Berichten von Durchreisenden wird im 19. Jahrhundert erwähnt, dass die Frauen bei St. Johann diese Tracht samt den hohen Hüten sogar bei der Arbeit auf den Feldern getragen haben sollen. Außerdem wird auch berichtet, dass die Bauernmägde bei diversen Arbeiten, für die sie mehr Bewegungsfreiheit benötigten, weite Hosen aus Leinen über ihre Röcke anzogen und sie wegen des in die Hose gestopften Rockes recht unförmig ausgesehen haben sollen.

Beachtenswert bei der im Museum ausgestellten Frauentracht sind der wegen seiner hohen Form so genannte „Ofenrohrhut“ und die aufwändigen Handarbeiten am Oberteil. Die Leukentaler Frauentracht, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts aus Vorbildern der "Kassettl-Tracht" entwickelte, wird heute überhaupt nicht mehr getragen. Sie wurde inzwischen von der "erneuerten Brixentaler bzw. Leukentaler Tracht" abgelöst, die mit ihrem traditionellen Schnürmieder auf jene Formen zurück geht, die Anfang des 19. Jahrhunderts in unserer Gegend üblich waren.

Ein Aquarell mit der Darstellung eines Bauern und einer Bäuerin bei St. Johann aus dem Jahr 1820 zeigt diese ursprüngliche Frauentracht mit dem roten Schnürmieder, das durch eine grüne Borte am Ausschnitt abgeschlossen wird. Darüber wurde eine braune Jacke getragen. Die heute gängige Farbe des Schnürmieders ist bei der erneuerten Frauentracht ebenfalls rot, manchmal auch blau oder grün. Auf verschiedenen historischen Darstellungen der Leukentaler Frauentracht (etwa auf Votivbildern des 19. Jahrhunderts) sind diese Schnürmieder in den genannten Farben zu sehen, wodurch eindeutig bestätigt wird, dass die heutige "erneuerte Brixentaler Tracht" genauso auch im Leukental ihre historische Berechtigung hat.

Merkmale der traditionellen Männertracht sind der lange braune Gehrock, der wegen seiner Schließen ("Hafteln") auch „Haftlrock“ genannt wird und in seinem Schnitt noch auf barocke Traditionen zurück geht. Ein weiteres besonders Merkmal ist die für das Leukental typische blaue Farbe der Strümpfe. Die Form des Hutes entwickelte sich aus den Traditionen der Zylinderhüte des Biedemeiers. Die ursprünglichen Kopfbedeckungen waren bei Frauen und Männern jedoch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts grüne Rundhüte, wie sie auf dem Aquarell von 1820 dargestellt sind. Der Bauchgurt („Ranzen“) mit reicher Federkielstickerei gilt als besonderes Statussymbol und geht mit seinen heilbringenden Symbolen bis auf die vorchristlichen Motive keltischer Gürtelbleche zurück.

Die Leukentaler Männertracht wird heute nicht mehr in dieser Form getragen. Nur Vereine wie die Feller-Schützenkompanie sowie die Trachtengruppen Hauser und Edelraute tragen eine weiterentwickelte Leukentaler Tracht mit weißen statt blauen Strümpfen und einer kurzen Jacke, die jedoch weiterhin die traditionellen Haftelschließen besitzt.


"Kassettl" mit bestickter Ausschnittblende, besticktem Halstuch und "Kropfkette"
Das "Kassettl" ist die Festtagstracht der Frauen

DAS "KASSETTL"


Das „Kassettl,“ auch „Röcklgwand“ genannt, ist bis heute im Tiroler Unterland und im benachbarten Pinzgau verbreitet. Ähnliche Formen gibt es auch in einigen Bereichen Oberbayerns und anderen Teilen Tirols und Salzburgs. Das Kassettl wird als Festtagstracht nur bei hohen kirchlichen Anlässen getragen. Die Bezeichnung kommt vom korsettartigen Oberteil und entwickelte sich aus dem Wort "Korsettl." Andere Meinungen gehen davon aus, dass die Bezeichnung vom eckigen "kassettenartigen" Ausschnitt des Oberteiles stammen soll.

Besondere Merkmale dieser Tracht sind der erwähnte eckige Ausschnitt, die aufwändigen Goldstickereien an der Unterseite des Hutes und am Halstuch, die bestickte Ausschnittblende, die tief angesetzten Ärmel mit Zierbesatz sowie der kleine mit goldenen Quasten geschmückte Hut, dessen Form sich aus einer ursprünglichen Zylinderform entwickelt hat. Der "Kassettl-Hut" wird nur von verheirateten Frauen getragen und mit breiten Samtbändern, deren Enden über den Rücken fallen, am Hinterkopf festgebunden. Unbedingt notwendig ist beim Kassettl auch der spezielle Schmuck mit „Kropfkette“, Ohrringen, Uhrkette und Haarspange. Ursprünglich wurden zu dieser Tracht weiße Strümpfe aus Garn getragen, seit dem 20. Jahrhundert sind jedoch schwarze Seiden- bzw. Nylonstrümpfe üblich. Im Winter wird zusätzlich noch ein großes Schultertuch aus Wollstoff mit Paisleymuster, der so genannte „Doppelschal“ getragen.


"Tanz vor einem Wirtshaus bey St. Johann" kolorierter Kupferstich um 1820.

TRACHTENKLEIDUNG


Die Talschaftstracht war in ihren Farben und Formen nach genauen Normen vorgegeben, doch finden sich ab dem 19. Jahrhundert auch immer wieder modische Erscheinungen, die auf Grund ihrer Abweichungen zur einheitlichen Tracht als Trachtenmode bezeichnet werden müssen.

Der kolorierte Kupferstich rechts aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt eindeutig Einflüsse aus der Biedermeiermode und ist ein sehr frühes Beispiel für diese individuelle Ausprägung der Trachtenmode.

Weitere Informationen zum Thema Tracht finden Sie auch unter "Journal" in der 15. Ausgabe unserer heimatkundlichen Schriftenreihe "Zwischen Kaiser, Kalkstein und Horn."
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