Der "Kratzerbäck" in der Kaiserstraße Nr. 36
Die Lüftlmalereien stehen am Übergang von Barock zu Rokoko
Die Malereien am Eingang aus dem Jahr 1770
Freskofragment Maria-Hilf aus dem 17. Jahrhundert
Der Ofen der ehemaligen Bäckerei ist heute noch erhalten

Der "Kratzerbäck"

Das ehemalige Bauernhaus „Kratzerbäck“ wurde während des Sommers 2004 zum neuen Sparkassengebäude adaptiert. Dabei blieb der vordere Teil des alten Gebäudes erhalten, während im hinteren Bereich neue Räume in einer architektonischen Verbindung von historischer Bausubstanz und zeitgenössischen Formen errichtet wurden. Im Zuge der Restaurierungsarbeiten am Altbestand kamen im Jahre 2003 unter mehreren Kalkschichten im Erdgeschoß qualitätvolle Lüftlmalereien aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Vorschein.

Wie die Jahreszahl an der Firstpfette bezeichnet, wurde der Kratzerbäck im Jahre 1622 erbaut, doch befand sich laut Restaurationsbefund schon früher ein etwas kleineres Gebäude an der selben Stelle. Die erste schriftliche Aufzeichnung findet sich im Jahr 1642 mit der Erwähnung eines gewissen Leonhardt Krazer, Bäcker zu St. Johann, dessen Name sich bis heute im Hofnamen erhalten hat.

Im Jahre 1778 wird der Kratzerbäck wie folgt beschrieben: 1 Haus mit der Gerichtsnummer 706, dabei eine Bäckereigerechtigkeit. Umfang: 1 Stube, 1 Kuchl, 1 Backofen, 1 Keller, 4 Kammern und Gehöft.“ Zum Anwesen gehörte weiters noch Ackerland in der Größe von 4.682 Klafter (1,68 Hektar).

Die im Jahr 2003 frei gelegten Fassadenmalereien am Kratzerbäck zeigen Lüftlmalereien in Form von Eckpilastern, Fenster- und Türumrahmungen als Marmorierungen, Voluten und Gitterwerk sowie geflammten Roccaillen. Diese asymmetrischen Gestaltungselemente zeigen schon den Einfluss des ab Mitte des 18. Jahrhunderts in unserer Gegend aufkommenden Rokokostiles. Somit weisen die Fassadenmalereien am Kratzerbäck in ihrer stilistischen Einordnung in die Übergangszeit von Barock zu Rokoko, also auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Dies wird durch die Jahreszahl 1770 über der Eingangstür bestätigt, die sich auf das Entstehungsjahr der Malereien bezieht, und die Initialen LW AP weisen auf die Auftraggeber, die damaligen Besitzer des Kratzerbäcks, Leonhard Wörgether und seine Frau Anna, geborene Pirchner, hin.

Weiters findet sich zwischen den linken Fenstern der Hauptfassade noch eine Nische mit dem Fragment einer Maria-Hilf-Darstellung, die aus der Erbauungszeit des Kratzerbäcks, also dem 17. Jahrhundert stammt.

Die Tradition der Lüftlmalerei geht auf barocke Fassadenmalereien in Italien und Süddeutschland zurück und wurde ab dem 18. Jahrhundert im Alpenraum sehr populär. Reiche Bürger und Bauern ließen ihre Hausfassaden mit meist religiösen Motiven und Fensterumrahmungen verzieren. Neben ganz wenigen berühmten Künstlern blieben jedoch die meisten Lüftlmaler unbekannt, da sie ihre Werke nicht signierten. Die Bezeichnung "Lüftlmalerei" leitet sich übrigens vom berühmtesten Vertreter dieser Kunstgattung, Franz Seraph Zwinck (1748 - 1792) ab, der in Oberammergau in einem Haus mit dem Namen "zum Lüftl" wohnte.

Die am Kratzerbäck frei gelegten Malereien wurden sicherlich von einem der zahlreichen unbekannten fahrenden Lüftlmalern geschaffen und gehören neben der Rokokofassade des Schwarzinger-Hauses zu den qualitätvollsten Fassadengestaltungen unseres Ortes. Somit stellt dieser Fund eine bedeutende kulturhistorische Bereicherung für das barocke St. Johann dar.